08.07.2020

Kunstwelten: Mythos Muse

Gibt es sie noch? Erkundungen im trübtauben Ginst am Musenhain…

Autorin: Anna-Lena Treese (Mitarbeiterin Kunstvermittlung)

…Melosine! Nein. Mnemosyne – Die Titanin hatte mehrere Töchter mit ihrem Neffen Zeus, die im Dienste ihrer Mutter über die Quelle der Erinnerungen wachten und ansonsten viel Zeit (feiernd) mit Apoll verbrachten. So kamen die Musen zu den schönen Künsten und das Bild der jungen, geheimnisvollen, inspirierenden Frau in die Welt.

Wenn man dort fragt, wo die meisten Menschen nach Antworten suchen, was eine Muse eigentlich ist, erfährt man: „Eine Muse ist eine Person, die einen anderen Menschen zu kreativen Leistungen anspornt oder inspiriert. Oft finden sich Musen, vor allem Frauen, im Umfeld von Künstlern." Das bringt die Idee der Muse in der längeren (Kunst)geschichte auf den Punkt. Aber wozu bedurfte und bedarf eigentlich diese Figur? Wenn Musen nur Metaphern für Inspiration waren, ist dann das Bild der geheimnisvollen Ideengeberin spätestens seit der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts überholt?

(Gute) Ideen kommen, nach antiker und von westlicher Kultur geprägter Vorstellung, nicht allein aus dem genialen Geist, sondern von außen. Den grübelnden Künstler ereilt eine von Göttern, Göttinnen oder Gott kommende Eingebung als Idee, Fähigkeit, Auftrag oder Gefühl und schon kann große Kunst entstehen. Künstler, befragt nach Ihren Inspirationsquellen, griffen und greifen nicht selten auf mystifizierende Vorstellungen ihrer Schaffensprozesse zurück. Was über das künstlerische Schaffen und seine Ursprünge in ehrfürchtig lauschende Auditorien bei Künstler*innengesprächen gesagt wurde, trägt oft zum Mysterium bei und wird durch bewunderndes Nicken, beherztes „sehr spannend“-finden oder ein eher implizites ‚Krawehl!‘ bestätigt. 

Die Muse verleiht diesem Prozess eine Gestalt und die Vermutung einer interessanten Hintergrundgeschichte. Es geht dabei immer um die Beziehung zum Künstler. Randbemerkung: an dieser Stelle ist es nahezu überflüssig zu gendern - denken Sie an all die männlichen Musen, die Künstler*innen beeinflussten. Genau. Jene gab und gibt es zwar durchaus, allerdings selten unter dieser Bezeichnung. Es lohnt sich, gelegentlich auch bei berühmten Künstlerpaaren zu fragen: Wer ist oder war hier wessen Muse? Und vielleicht gelangt man dabei zu der interessanten Idee, dass es sich oft auch um wechselseitige Inspiration handeln könnte. Wozu eigentlich die Frage nach der Beziehung? Erzählen nicht die Darstellungen wiederkehrender Modelle selbst viel mehr über die Perspektive des Künstlers oder der Künstlerin? Es lohnt sich auch hier seinen eigenen Augen zu trauen.

Es gibt Beispiele aus den Werken der Sammlung des LWLMKK, in die man anhand genau dieser Fragen sehr tief eintauchen kann. Dabei eignet sich eine Epoche ganz besonders gut, die Widersprüchlichkeiten und Facetten der Geschichte der Muse zu entdecken. Über das von der Antike geprägte, mythologische Bild der Gefolgschaft des Apollon, über die (idealisierten) Portraits und Charakterdarstellungen der Neuzeit, über die an irdischen Modellen orientierten Allegorien, blicken wir in die Moderne. Mangels Notwendigkeit der naturgetreuen Darstellung verzweigen sich die Wege im späten 19. Und frühen 20. Jahrhundert in den bildenden Künsten in alle möglichen Richtungen.

Eine sehr klare Perspektive liefert Otto Dix in der Darstellung seines Malerfreundes Willy Kriegel, der im Atelier vor dem Portät seiner Muse, seiner Frau Marie-Louise klemmt. Völlig entrückt scheint er in die Leiwand hineinzukriechen und Detail für Detail an dem Bild der Lichtgestalt zu arbeiten, dass sich über seinem Kopf erhebt. Auf diese Frauenfigur wird, je nach ganz persönlicher Perspektive, sehr verschieden reagiert. Schön, strahlend und göttlich oder kalt, gespenstisch und gefährlich? Sie greift nach etwas, hat keine Pupillen oder den Ausdruck eines Gefühls in ihrem Porzellangesicht. Hier scheint sich alles zu vereinen, was man über das klassische Bild von Künstler und Muse sagen könnte. Dabei ist es der Blick des Freundes auf diese beiden – welcher Art ist der Kommentar von Dix auf diese Beziehung? Ganz sicher nicht neutral, was weder dem Dixschen Werk noch der Tendenz der Zeit und der sog. neuen Sachlichkeit entsprochen hätte.

Das weinende Mädchen, Edvard Munch. 1909. Öl, Leinwand.

Zu den wohl rätselhaftesten Musen der Sammlung gehören Edvard Munchs weinendes Mädchen und seine zwei weiblichen Akten. In diesen Bildern mit ähnlichem Sujet vermutet man auf den ersten Blick die sehr klassische Beziehung zwischen Muse (=Modell) und Künstler. Weibliche Akte in Interieurs - hier steht ein (ungemachtes?) Bett im Hintergrund, dort lehnen zwei Frauen an einer Kommode, ein eindeutiges Setting, dass zunächst keine Überraschungen bereithält. Frau(en) in Schlafzimmern, oft erzählt und oft gezeigt. Trotzdem: kaum eine Darstellung polarisiert so, wie das weinende Mädchen. Wer sieht hier was? Unglückliche Liebe, Sexismus oder Überidealisierung einer sehr kindlichen Frau? Eine göttliche Lichtgestalt mit gesenktem Kopf oder die banale Darstellung einer im Raum verlorenen Figur, deren eher androgyn wirkender, abstrahierter Körper in groben malerischen Gesten zum Objekt degardiert wurde? Aus der Erfahrung zahlreicher Gespräche vor diesem Werk gesprochen: Hier scheiden sich die Geister wie an kaum einem anderen Werk in der Sammlung. Und es geht dabei um viel mehr, als einen Akt in einem Schlafzimmer. Wie stand Munch zu dieser Frau, wie kann man jemanden so zeigen? Manche*r sieht eine in den Raum gezwängte Figur, den Kopf schwer von Trauer. Andere sehen die Andeutung von Hysterie oder Reduktion der Frau zum Objekt im Raum, ohne Gesicht und Charakter. Es lohnt sich, seinen eigenen Augen zu trauen. Munch macht seine Innerlichkeit transparent. Wie sie verstanden wird, hängt vom Blickwinkel des Betrachters ab. Wann ist die Darstellung eines nackten Frauenkörpers eigentlich obszön? Es mag an der Pose oder am bildlichen Kontext und den zeitgenössischen Ikonographien feststellbar sein. Ob Modelle, wie die hier genannten also degradiert oder idealisiert werden, liegt im Moment der Begegnung mit dem Bild vor allem im Auge des Betrachters. Und kann Idealisierung auch eine Degradierung sein?

Die Rolle des Geschlechts scheint in Munchs weindenem Mädchen fast zweitrangig, weil eben nicht explizit im Fokus. Ein weiteres fesselndes Beispiel für so ein übergeschlechtliches Musen-Wesen ist das Portait des Tänzers Alexander Sacharoff (1909) von Alexej Jawlensky.
In der Nähe von Munchs Akten befindet sich ein Selbstbild von Ida Gerhardi. Neben der Darstellung in zeitgemäßer Mode und dem sehr vielschichtigen Blick hinter dem Hutschleier, kommt hier vielleicht ein sehr moderner Gedanke auf: Kann Künstler*in eigene Muse sein? Was kommt von außen und was von innen? Vielleicht kommen diese von außen. Der künstlerische Prozess, der von Inspiration zur Umsetzung und zur Rezeption durch andere führt, spiegelt sich im Werk. Musen personifizieren diesen Prozess und reduzieren ihn auf eine Beziehung von Künstler, Werk und Welt, die sich eigentlich jeder erschöpfenden Erklärung entzieht.

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Kategorie: Kunstwelten

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