30.06.2020

Rückblicke: Das war "Homosexualität_en" 2016

 

Autorin: Sara Hirschmüller (studentische Volontärin Kunstvermittlung)

Es ist der letzte Tag des Pride-Month 2020 und wir blicken zurück auf unsere wohl queerste Ausstellung: Homosexualität_en war eine Kooperation des Schwulen Museums*, des Deutschen Historischen Museums Berlin und des LWL-Museums für Kunst und Kultur. Anhand von rund 800 Exponaten wurden die Besucher*innen mit dem eigenen Verständnis von Geschlecht, Identität und Sexualität konfrontiert. Sexuelle Orientierung und geschlechtliche Identität behandelte die Ausstellung dabei als unmittelbar miteinander verbundene Themenfelder. "Die weit verbreitete Wahrnehmung, Homosexuelle mit schwulen Männern gleichzusetzen, hält dabei der historischen Entwicklung nicht stand: Homosexualität_en rückt deshalb ebenso die wichtige Rolle der Lesbenbewegung für die Emanzipationsgeschichte in den Fokus wie die Bedeutung trans- und intergeschlechtlicher Aktivisten*innen", so Dr. Birgit Bosold, Projektleiterin und Mit-Kuratorin der Ausstellung damals in der Pressemitteilung. "Wir wollen zeigen, dass die Diskriminierung von homosexuellen Menschen mit der Geschlechterordnung zu tun hat, die allen ungefragt eine geschlechtliche Identität zuweist und zugleich ein sexuelles Begehren, nämlich in Richtung des jeweils anderen Geschlechts."

Kunstwerke historische Künstler*innen wie etwa von Edvard Munch, Meret Oppenheim und Andy Warhol reihten sich aneinander und auch zeitgenössische künstlerische Positionen griff die Ausstellung auf, zum Beispiel von Zanele Muholi, Elmgreen & Dragset, Monica Bonvicini, Julian Rosefeldt und Maria Lassnig. Doch was haben alle Werke von diesen doch sehr unterschiedlichen Künstlern gemein? Sie kreisen um Begehren und Verführung, spielen mit Geschlechterrollen und -grenzen und fordern zu einer Überprüfung der begrenzten Konzepte von Geschlecht und Identität auf.

In den Hörduschen werden Aussagen zum Thema Homosexualität vorgelesen. Foto: LWL/ Hanna Neander

Das gab's zu sehen

Neben einem Blick in die Geschichte der wissenschaftlichen Debatten um Geschlecht und Sexualität zeigte die Ausstellung auch die Ausgrenzung und Kriminalisierung von homosexuellen Männern und Frauen und Menschen mit non-konformen Geschlechtsidentitäten. Ihre Zuspitzung erfuhr diese Diskriminierung in der Verschärfung des Paragraphen 175 durch die Nationalsozialisten. Diese verschärfte Fassung wurde Grundlage für die massive Verfolgung von schwulen Männern, die für viele in Haft und Konzentrationslager endete. In der Ausstellung wurde dies durch den von Gastkurator Dr. Klaus Mueller jahrelang recherchierten "Rosa Winkel" repräsentiert. Dieser Teil erzählte Schicksale von Verfolgten und erinnerte an all jene Vergessenen, die als homosexuelle Häftlinge im Dritten Reich einen rosa Aufnäher tragen mussten.

In einem anderen Ausstellungsbereich schilderten unterschiedliche Personen in kurzen Videofilmen anhand von Gegenständen ihr Coming Out vor Familie und Freund*innen. "Wir wollten hier bewusst Menschen auch aus der Region ihre Geschichte erzählen lassen, um die Perspektive der Berliner Ausstellung zu erweitern", erklärte LWL-Museumsdirektor Dr. Hermann Arnhold. Denn auch und gerade abseits bekannter Queer-Metropolen wie Berlin entwickelte sich eine bunte und bewegte Szene. So war Münster 1972 etwa Schauplatz für Deutschlands erste Schwulen-Demonstration. Mittlerweile verfügt Westfalen-Lippe über ein dichtes Netz an Freizeitangeboten, Vereinen und Anlaufstellen für Menschen der LGBTIQ-Gemeinschaft.

Neben westfälischen Akzenten bot Homosexualität_en den Besucher*innen einen Einblick in die große Sammlung des Schwulen Museums*, die von Flugblättern und Fotografien der ersten Demonstrationen Anfang der 1970er über das Original-Drehbuch des ersten und letzten DDR-Spielfilms zum Thema "Coming Out" von 1989 bis zu einer Dokumentation des "Mösenmobils" reicht, das 1998 den Berliner Christopher Street Day anführte.

Die Ausstellung endete mit dem Interviewprojekt "What's next?", in dem Aktivist*innen der queeren Szene über Themen wie ihr politisches Engagement, Solidarität und Konflikte, über Arbeit und Leben jenseits der heterosexuellen Norm sprachen und einen Blick in die Zukunft warfen.

Drum herum

Neben dem Schulprogramm, in dem sich die Schüler*innen kritisch mit Rollenbilder und Körperkonstrukten auseinander setzten und heteronormative Geschlechterkonstrukte auf dem Prüfstand stellten, veranstaltete die Kunstvermittlung Erzähl-Frühstücke mit Expert*innen aus der Szene. In drei verschiedenen Themen Codes – Welche Rolle spielen Signale noch?Zur Geschichte der Homosexualität in Münster und Homosexualität und Geschlechterklischees im Sport traten die Teilnehmer*innen in einen offen Austausch und teilten ihr Erfahrungen. "Wir haben uns sehr darüber gefreut, wie gut das Angebot angenommen wurde! Ich erinnere mich unheimlich gerne an diese Sonntagsfrühstücke, bei denen wir so unkompliziert in den Austausch kamen. Manchmal im Plauderton, manchmal durchaus kontrovers, aber immer offen und einander zugewandt", erinnert sich Doris Wermelt, damals Mitarbeiterin im Besucherbüro.

 

Wir sind sehr froh, dass wir diese Ausstellung zeigen konnten und hoffen, dass das Museum auch in Zukunft immer ein Ort für Austausch, Diskussion und für gemeinsames Kunsterleben sein wird.

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Kategorie: Rückblicke

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